MERKMALE UND EIGENSCHAFTEN VARROATOLERANTER BIENEN

Wenn wir nach über 20 Jahren Varroabekämpfung mit chemischen Mitteln und Säuren einen anderen Weg suchen und durch züchterische Anstrengungen die Widerstandskraft gegen Krankheiten und Parasiten wie die Varroamilbe stärken wollen, so kann es für die züchterischen Auslese hilfreich sein, zu schauen, welche Eigenschaften  varroatolerante Bienen in aller Welt  auszeichnen. In Frage kommen dafür neben der Indischen Biene (Apis cerana) afrikanischePopulationen, nach Berichten aber auch Bienen in Amerika und Asien, die zumindest zum Teil europäischer Abstammung sind. Im weiteren ist dann zu überlegen, welche von diesen Eigenschaften in unsere Zuchtziele aufgenommen werden sollen.

Mit dem ursprünglichen Wirt Apis cerana, welcher vor allem in Südostasien beheimatet ist, lebt die Milbe in einem ausgeglichenen Verhältnis. Durch verschiedene Abwehrmechanismen, wie z. B. Putzverhalten und kürzere Verdeckelungsdauer der Arbeiterinnenbrut, kann sich die Milbe bei dieser Biene nur in der Drohnenbrut in beschränkter Zahl vermehren. Eine Behandlung der Milbe ist deshalb in diesen Völkern nicht notwendig.

Apis monticola
Über die Varroatoleranz der unverkreuzten Monticola in Afrika liegen mir keine Informationen vor, wohl aber über schwedische Buckfast-Monticola Kreuzungen. Nach vergleichenden Untersuchungen von E. Österlund in Schweden ist diese Biene insgesamt signifikant varroatoleranter als die normalen  Bienen (The Elgon Bee and Varroa Mites by ERIK OSTERLUND Sweden honeybee@elgon.se).
Nach verschiedenen Berichten ist die häufigste afrikanische Bienenpopulation, die Apis scutellata, ebenfalls varroatolerant. Leider ist es aber ihre Wildheit und vor allem ihre Aggressivität auch in tropischen Gebieten ein hohes Hindernis bei der züchterischen Auslese. Zum Beispiel in Brasilien wird sie aber  durchaus von Bienenzüchtern  auch in modernen Magazinbeuten gehalten und genutzt.
Lange Zeit glaubte man bei uns, die Vergrösserung der Zellen bringe neben grösseren Bienen auch mehr Honig. In den letzten Jahren gemachte Versuche mit der (Rück)Verkleinerung von Zellen und Bienen zeigen, dass dies nicht so ist. Wohl aber gibt es Berichte wie z.B. von den Gebrüdern Lusby  aus Arizona (USA), Erik Österlund  (Schweden) Thomas Kober (Deutschland, siehe Artikel in der SBZ 1/2004 und in der ADIZ 4, 5, 6 / 2003)) wonach sich solche Völker durch eine ausserordentliche Vitalität und Varroatoleranz auszeichnen. Diese erlaubt es, auf Varroabehandlungen ganz oder zumindest teilweise zu verzichten.
In den USA vergleicht Dr. Rinderer seit 1996 amerikanische Völker  mit Völkern aus der Region Primorsky nördlich von Wladiwostok in Ostsibirien. Die Anzahl der Varroen lag bei den Völkern aus Russland bei allen Versuchen immer massiv unter den Zahlen der amerikanischen Völker. Einwanderer aus der Ukraine, die sich nach dem Bau der Trans-Siberian Railway in der an den Pazifik angrenzenden südostsibirischen Region Primorsky niedergelassen hatten, brachten europäische Bienen verschiedenen Ursprungs mit. Italienerbiene, Carnica, Caucasica und russische Landbienen sind die Ahnen der heutigen Primorsky. Die riesige Region ist aber auch eine Randzone im Ausbreitungsgebiet  der Indischen Biene (Apis cerana). Diese Biene gehört einer anderen Art an und ist mit den europäischen Rassen nicht kreuzbar. In Ceranavölkern war die Varroa schon anfangs des 20. Jahrhunderts festgestellt worden, 80 Jahre bevor sie bei uns mit den bekannt verheerenden Folgen auftrat. In Südostsibirien muss die Varroa schon sehr bald in die Bienenvölker der Einwanderer übergesprungen sein. 
   
Varroatolerante Populationen bauen meist kleine Zellen und die Bienen sind eher klein.

Population (Rasse) Zellen/dm2  Zelldurchmesser Bienengrösse Bemerkungen
Apis Cerana
(Indische Biene)
1200 4.4 - 4.5 mm sehr klein
Apis Monticola
(Afrik. Biene)
1000 4.6 - 5.0 mm klein - mittel
(uneinheitlich)
lebt in Bergregionen über 2400 m
Apis scutellata
(Afrik. Biene)  
1000 4.8 mm klein „Tieflandbiene“
Lusby Biene
(Arizona, USA)
950 -1000 4.8 – 4.9 mm klein durch Zuchtauslese verkleinert
Primorsky Biene
(Nordostasien)
n/a n/a mittel  
         
Zum Vergeich:        
Europäische Bienen 850 - 900 4.8 – 5.3 mm* mittel - gross Naturbau, alte
Angaben
Europäische Bienen 750 – 800 5.4 – 5.7 mm gross heutige Mittelwände

*unterer Wert eher Brutzellen, oberer Wert eher Honigspeicherzellen

Folgerung für die züchterische Auslese: Zurück zum Naturzustand! Europäische Bienenpopulationen, die züchterisch intensiv auf erwünschte Eigenschaften  wie Sanftmut und hoher Honigertrag, bearbeitet worden sind, können bekanntlich dem Ansturm von Varroa und Viren wenig Widerstand entgegensetzen. Die Anpassung der Bienen an die künstliche Vergrösserung der Zellen durch Mittelwände mit entsprechender Prägung hatte wahrscheinlich eine gewisse Auslese in Richtung vergrösserte Bienen zur Folge. Ob dies ebenfalls mit ein Grund für ihre Anfälligkeit ist, halte ich gar nicht für abwegig. Möglich ist auch, dass die Aufzucht von Bienen in relativ kleinen Zellen die Entfaltung, bzw. Paarung der Milben behindert. Dafür sprechen zwei Gründe:

  1. Es ist bekannt, dass den Milben eine konstante Bruttemperatur von 35/36°C wahrscheinlich zu hoch ist und sie unter anderem auch deshalb lieber die Randbereiche (Drohnenbrut) aufsuchen.
  2. Es gibt auch Berichte, welche die erhöhte Varroatoleranz damit erklären, dass die Milben zu wenig Platz zwischen der Zellwand und der Bienenlarve haben, um sich entwickeln zu können.

Absolut sicher scheint mir, dass die Bienen bei Kälteeinbrüchen während der Brutperiode leichter in engen, kompakten Brutstuben die ideale Temperatur zu halten vermögen. Nachdenklich stimmt in diesem Zusammenhang auch, dass vor allem kleine Bienenkolonien für ihr Brutnest mehrmals bebrütete Zellen von dunklen Waben unbebrütetem Neubau vorziehen. Diese sind auch etwas kleiner und vor allem wärmer. Erst wenn im Frühling das Volk zu wachsen beginnt, bestiftet die Königin auch unbebrütete Zellen.
Ich stelle jedenfalls meine Brutwaben vorerst auf Zellen mit 5.1 mm Durchmesser um. Keine Änderung ist bei den Honigwaben nötig.

Schwarmverhalten und Varroa

Apis cerana
"BMN Ausgabe 1 - Frühjahr 2001 (von Albert Müller, Bienenzuchtlehrer und verbunden mit einem Bienenprojekt in Nepal seit 1989): Das normale Schwarmverhalten der Ceranabiene ist im Frühjahr und Herbst. Die Völker bilden Weiselzellen und die Schwärme ziehen wie bei uns aus. Wenn die Tracht nachlässt oder das Volk vom Imker zu viel gestört wird, zieht das Volk auch aus. Dabei wartet es, bis alle Brut geschlüpft ist. Ist die Varroabelastung zu groß geworden, dann verlässt das Volk sofort die Beute. Es befreit sich so von der Varroa-Infektion, weil es das verschlossene Brutnest mit den meisten der Varroamilben zurücklässt. Möge unsere europäische Honigbiene, die Apis Mellifera einige von diesen Eigenschaften entwickeln, dann wäre viel gewonnen.“

Apis monticola
Die Biene lebt in den  kühlen Regionen über 2400 m (Jahresdurchschnittstemperatur um 11° C) in Kenia. Soweit aus den spärlichen Hinweisen im Berichten von Erik Österlund (1991) hervorgeht, schwärmt sie in den höheren Regionen sehr selten, dagegen aber in  tieferen und damit wärmeren Gebieten, wo sie mit der Apis scutellata verkreuzt ist, deutlich häufiger. Auch das für tropische Bienen typische Verhalten, auszuziehen, also bei massiver Störung als Schwarm zu flüchten fehlt hier.
     
Apis scutellata
Sehr schwarmfreudig, bildet Wanderschwärme, kann ausziehen und Brut zurücklassen

Lusby-Biene
Keine Informationen zu diesem Aspekt liegen mir über die Lusky-Biene vor.

Primorsky-Biene (Nachzuchten)
Eher schwarmfreudig, setzt häufig Zellen an, kommt aber nicht in „Schwarmdusel“

Zum Vergleich:
Carnica ursprünglich schwarmfreudig, seit Jahrzehnten auf Schwarmträgheit selektioniert
Ligustica schwärmt wenig
Buckfast auf Schwarmträgheit selektioniert
Mellifera schwärmt wenig
 
Durch das Schwärmen sichern frei lebende Bienen ihr Überleben. Sie schwärmen zur Fortpflanzung, einige Populationen aber auch zur Krankheitsbekämpfung und zum Ortswechsel bei Trachtmangel.

Folgerung für die züchterische Auslese:
Ein übermässiger, nicht lenkbarer Schwarmtrieb kann natürlich nicht akzeptiert werden, besonders wenn die Bienen tagelang im Schwarmdusel herumhängen und ihre Aktivitäten (Bautrieb, Brutpflege, Sammeltätigkeit) nahezu einstellen. Unter lenkbar verstehe ich, dass in der Regel nach einem einmaligen Eingriff (Kunstschwarmbildung oder Ablegerbildung mittels Brutwaben) der Schwarmtrieb überwunden ist. Jeder Schwarm ist aber ein Zeichen höchster Vitalität. Er lässt auch in der Brut des Restvolkes die meisten Milben zurück und hat so einen milbenarmen Start. Deshalb schliesse ich ein Volk, wenn es in Vollstärke und aus einem Überschuss an Pollen- und Honigvorräten heraus schwärmt und also trotzdem noch einen akzeptablen Ertrag liefert, nicht automatisch von der Weiterzucht aus. Auch dulde ich Schwarmköniginnen in einem Teil der Völker, denn ihre Vitalität ist hervorragend. Wunschtraum: Ein ganzes Volk verlässt als Schwarm seine eindeutig parasitierte Brut. Es wäre eventuell von grossem Wert für die Varroatoleranzzucht.

Verteidigungsbereitschaft
Die Aggressivität der hellen afrikanischen Biene Apis scutellata braucht nicht mehr beschrieben zu werden.
Die Monticola ist sanftmütig, sie hat auch bereits in der Buckfastzucht Eingang gefunden und bereitet offenbar keine Schwierigkeiten. Gerade bei diesen beiden afrikanischen „Schwestern“ ist offensichtlich, wie perfekt die natürliche Auslese, bzw. die Anpassung, an die Umweltbedingungen bei der Honigbiene ohne menschliche Einmischung funktioniert: Nach Erik Österlund beträgt die Jahresdurchschnittstemperatur im Gebiet der Bergbiene Monticola bloss etwa 11° C. Hier hat ein Bienenvolk vor allem die Kälte zu fürchten und legt deshalb grosse Vorräte an. Es braucht sie in Kälteperioden zur Warmhaltung. Die Abwehrbereitschaft dagegen ist nicht gross gefordert, da Wespen und Hornissen, aber auch Krankheitserreger, sich lange nicht so gut entwickeln wie in den heisseren tropischen Tieflandregionen. Dort brauchen Bienenvölker ganz andere Strategien, um überleben zu können. Sie müssen sich wehren können gegen eine Unzahl von Feinden, brauchen aber weniger Vorräte für Notzeiten. Futter wird nur zur Brutaufzucht und in geringem Ausmass  zur Ernährung der erwachsenen Bienen gebraucht, nicht aber zur Erzeugung von Wärme. 
Keine Angaben liegen mir über die Indische Biene vor. Aber Apis Cerana wird noch heute zum Teil in Nischen der Hauswände gehalten und wird deshalb  nicht aggressiv sein, solange man sie nicht stört.
Keine Informationen zu diesem Aspekt liegen mir über die Lusky-Biene vor.
Die Primorsky sind, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann, nicht aggressiv. Wenn sie aber am Flugloch gestört werden, reagieren sie allerdings energischer als zum Beispiel sanftmütige Carnicavölker. Legt man beim Magazin von oben den Sitz des Volkes frei, so schauen sie auch sofort nach, was da los sei. Dabei setzt es hie und da auch einen Stich ab. Sie kann aber ohne Schleier bearbeitet werden.
Die Mellifera ist bekanntlich nie so ruhig und sanftmütig wie die Carnica. Ungute Erinnerungen habe ich diesbezüglich an meine Anfänge in der Carnicazucht in den sechziger und siebziger Jahren. Damals waren die Kreuzungen Carnica - Mellifera schlimme Stecher.

Folgerung für die züchterische Auslese:
Ein Volk, das sich kaum mehr wehren kann, wird leicht ausgeraubt, kann also Eindringlinge schlecht abwehren. Die Varroamilbe, in noch weiterem Sinne auch Viren und Bazillen, sind genauso Eindringlinge wie zum Beispiel Wespen und Hornissen. Sie bedrohen die Existenz der Bienenvölker! Deshalb sind Völker, die leicht ausgeraubt werden, von der Weiterzucht auszuschliessen. Ebenfalls solche, die keine Reaktion bei Störungen durch den Imker zeigen und sich „lammfromm“ zeigen.  Sie entsprechen dann eben dem bekannten Wort von „sich wie wehrlose Lämmer abschlachten lassen“.  
Ich meine, wir müssen deutlich unterscheiden zwischen intakter Abwehrbereitschaft und aggressivem Bedrängen oder sogar Verfolgen von Mensch und Tier. Das letztere ist untolerierbar. Mir scheint aber, dass bei allem züchterischen Bemühen um eine sanftmütige, ertragreiche Biene vergessen wurde, welch grossartige „Züchterin“ die Natur, bzw. die Umwelt- und Lebensbedingungen, gerade bei unserer Honigbiene ist. Die  Verteidigungsfähigkeit einfach „wegzuzüchten“, wie dies z.B. bei der Carnica weitgehend geschehen ist, halte ich für einen Fehler mit wahrscheinlich weitreichenden Folgen.   

Vitalität, Virusresistenz und Putztrieb
Nach den Erfahrungen der letzten Jahre spielt bei der Schädigung eines Bienenvolkes durch die Varroose die Schädigung durch die Milben selbst eine zunehmend untergeordnete Rolle. Der eigentliche Schaden wird hauptsächlich durch sogenannte Sekundärinfektionen hervorgerufen. Viren, wie z.B. das DWV (erzeugt verkrüppelte Flügel) und das APV (akute Paralyse) nehmen bei hoher Milbenzahl überhand und führen zu löcherigem Brutnest mit abgestorbenen Puppen und verkrüppelten Bienen. Werden geschwächte Völker längere Zeit durch den Imker geduldet, so haben Nosema und altbekannte Brutkrankheiten (z.B. europäische und amerikanische Faulbrut) leichtes Spiel.
Nach meinen eigenen Beobachtungen zeigen Primorskyvölker, vor allem auch deren Nachzuchten, gegen den Herbst hin oftmals ebenfalls erhöhten Varroabefall, ohne dass Anzeichen von Virenerkrankungen bei Brut und Bienen auftreten. Nach Abschluss der Brutperiode ist dann ein erhöhter Varroa-Totenfall zu beobachten, der an eine Art Selbstreinigung erinnert. Leider habe ich keine Informationen über ähnliche Eigenschaften bei den andern oben genannten Populationen.

Folgerung für die züchterische Auslese:
Völker, die sich bereits bei mässigem Varroabefall anfällig für  Viruserkrankungen (verkrüppelte Bienen, löcherige Brut mit eventuell einzelnen abgestorbenen Larven) zeigen, sind von der Weiterzucht auszuschliessen. Dagegen sind Völker, die nach Anstieg des Milbenbefalls nicht an Viren erkranken, genau zu beobachten. Vielleicht finden wir eines darunter, das imstande ist, seine Milben auch wieder selbst zu dezimieren. Dieses Verhalten könnte sehr wohl in Zusammenhang mit dem Putztrieb stehen. Dieser ist ganz allgemein ein Indiz für die intakte Vitalität und Abwehrbereitschaft eines Volkes. Bei stärker geschwächten Völkern erlahmt in der Regel auch der Putztrieb. Deshalb kann diese Fähigkeit nur bei noch intakten Völkern beurteilt werden.

Varroatoleranzzüchtung erfordert neue Zuchtziele
Alle Zuchtbestrebungen zielten in der Vergangenheit in erster Linie darauf hin, eine möglichst sanftmütige und ertragreiche Biene zu bekommen, die bei sehr guter Fruchtbarkeit möglichst gar nicht schwärmt. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Trotz über die ganze Saison gesehen geringer werdenden Trachtquellen sind die Durchschnittserträge in den vergangenen Jahrzehnten in der Schweiz und europaweit enorm gestiegen. Und welch tolle Erträge z.B. durchgezüchtete Carnicavölker einbringen können, habe ich selbst des öfteren erleben dürfen. Von ihrer ausserordentlichen Sanftmut schwärmt man ja landauf landab. Aber haben wir dafür nicht einen zu hohen Preis bezahlt? Ist dabei nicht zuviel an Widerstandskraft und Krankheitsfestigkeit auf der Strecke geblieben? Man wird mir entgegenhalten, das dies bei der Honigbiene im Gegensatz zu anderen Haustieren infolge der  schwer kontrollierbaren Mehrfachbegattung, der vaterlosen Entstehung der Drohnen (Parthenogenese) und - auf die gesamte Population gesehen nur geringem Anteil von Zuchtköniginnen (inkl. künstlich besamten) – nicht möglich sei und auch keine Genverarmung stattgefunden haben könne. Eine solche Diskussion bringt uns aber keinen Schritt weiter.
Zu den zweifelsohne erreichten Zuchterfolgen in der Bienenhaltung möchte ich auch den bekannten Luxemburger Züchter Paul Jungels zu Wort kommen lassen:
„Jeder Zuchtstamm entfernt sich schrittweise vom Ausgangsmaterial, sonst wäre die Anstrengung der Züchtung umsonst gewesen. Sicherlich unterscheiden sich allein daher die heutigen Bienenrassen in Europa wesentlich von den Herkünften von vor 100 Jahren. Naturrassen, im Sinne des vormaligen spezifischen Eigenschaftspotentials, sind gewiss kaum noch vorhanden, jedenfalls nicht dort wo eine neuzeitliche Bienenhaltung betrieben wird. Dieser Umstand gehört beachtet. Europaweit befassen wir uns gegebenerweise also mit Zuchtrassen. Diese Zuchtprodukte können vom Ausgangspunkt entweder einer geografischen Rasse zugeordnet werden oder aber sie sind, Beispiel Buckfastbiene, das stabilisierte Ergebnis von Kombinationszucht.“
Wie bei unseren Haustieren in anderen hat der Mensch auch in der Imkerei durch intensive Pflege, Auslese und Zucht die  unbarmherzige Selektion der Natur überlistet und ausgeschaltet.
Ich bin überzeugt, dass es leichter ist, die ersehnte Varroatoleranz durch Einkreuzung in europäische Populationen und anschliessender Selektion zu erreichen als durch Rückzucht und Suche nach eventuell bereits verlorenen Genen. Wir können dabei zur Zeit auf das Vererbungspotenzial der Primorsky Biene oder der Apis monticola stützen, welche nach den bereits vorliegenden Erfahrungen auch in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht unbedenklich sind.
Jetzt ist die Imkerschaft herausgefordert: Die veränderten ökologischen Bedingungen erfordern kategorisch ein Umdenken. Für die Zuchtarbeit stehen uns heute so umfangreiche Kenntnisse und Methoden zur Verfügung wie nie zuvor. Aber man muss den Mut und die Risikobereitschaft  aufbringen, um neue Wege einzuschlagen. Dazu gehört, dass wir es wagen, die Prioritäten  neu festzulegen. Grundsätzlich würde ich das neue Zuchtziel so formulieren:

Eine erblich gefestigte Bienenpopulation mit relativ kleinen Bienen, die bei guten Ertragsleistungen  und akzeptabler Sanftmut vital und krankheitsresistent ist und welche die Varroamilben ohne imkerliche Eingriffe unter der Schadensgrenze halten kann. Der Schwarmtrieb soll nicht unterdrückt werden, muss aber lenkbar bleiben.

 

Publiziert in der Schweiz. Bienenzeitung 5/2005